Marie, Tagebuch
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Was danach geschah [V]

[25. November – 6. Dezember 1916]
Am 25. früh musste ich gegen 1/4 7 aufstehen, da noch allerlei Reisevorbereitungen waren. Dann weckte ich Curt, dem das Anziehen viel Atemnot bereitete. Gegen 8 Uhr kam der Wagen, der uns bis an die Post fahren sollte. Wir verabschiedeten uns von Frieda, dem Zimmermädchen und fuhren fort. An der Post mussten wir lange warten. Der Autolenker hatte nie Eile. Da es aber ein ideal schöner Gebirgsmorgen war, konnten wir ruhig auf der Bank am Wartehäuschen warten. Dann endlich ging es los. Die Autofahrt war Curt sehr unangenehm wegen des starken Benzingeruches. Der übrige Teil der Reise ging über Erwarten gut. Da Curt keine Temperatur hatte war er ganz frisch. Um ein Uhr kamen wir in Freiburg an und fuhren mit Droschke nach der Klinik von Professor K. Dort ahnte kein Mensch etwas von unserer Ankunft. Erst begriffen wir das nicht, da wir doch angesagt waren. Dann stellte sich aber heraus, dass Professor K. nur die Anfrage von Dr. L. bekommen hatte, unsere Ansage, dass wir Sonnabend kämen aber noch nicht in seine Hände gekommen, da er den Tag verreist war. Nach längerem Hin und Her wurden wir schliesslich in das sogenannte Carolushaus geführt, wo wir Unterkommen fanden. Da wir garnicht ahnten, wie sich unser weiterer Aufenthalt gestalten würde, nahmen wir ein einfaches Zimmer zu dem billigen Preise für 2 Personen den Tag Zimmer mit Pension 9 M. Das Carolushaus würde ich als eine Art Hospiz bezeichnen, gehörend zu dem Mutterhaus, natürlich alles katholisch. Zwischen beiden Häusern war die Klosterkirche. Professor K. konnte ich schliesslich nach vieler Mühe erst am Sonntag den 26. früh telephonisch erreichen. Er bestellte uns gegen 11 in seine Sprechstunde. Da er den Tags nichts weiter machen wollte, bestellte er uns am nächsten Tag um 12, um den Kehlkopf zu brennen. Dasselbe, was L. schon gemacht hatte. Um 12 wurde es aber zu spät und machte er die Sache um 5 Uhr. Anschliessend ging Curt bald ins Bett. Die ganze Nacht hatten wir Nachtwache, weil Curt eine sogenannte Eisschlange um den Hals hatte, die ihm Kühlung bringen sollte. K. war an dem nächsten Tage sehr zufrieden. Überhaupt ging es Curt in diesen Tagen so hübsch, dass ich voller Freude nach Hause schrieb, dass ich hoffte, dass wir endlich vorwärts kämen. Er ass sogar einmal Schweinebraten mit Sauerkraut. Er hatte keine Temperatursteigung, schrieb Briefe und war überhaupt sehr heiter, lachte sogar gelegentlich mal so herzlich, wie nur er lachen konnte.
Ich hatte inzwischen an Dr. L. geschrieben, dass wir Freitag, den 1. September [muss wohl Dezember heißen, F.] gern wieder nach Wehrawald kommen wollten, bekamen aber die Antwort, dass kein Zimmer frei sei, er würde uns sofort benachrichtigen, wenn dies der Fall sein würde. Mir war das sehr unangenehm, denn ich wäre froh gewesen Freiburg mit dem Kranken bald verlassen zu können, die ständige Fliegergefahr war mir ungemütlich. Gottlob haben wir nichts erlebt. Einmal wurde Alarm geschossen, es kamen aber keine. Einmal sah ich auch ein sehr interessantes Flugmanöver von 20 deutschen Fliegern, sie schossen mit Schrappnells. Curt hatte das Schiessen gehört und hatte sich um mich geängstigt, da ich unterwegs war. Beim Nachhausekommen konnte ich ihn beruhigen und ihm alles erzählen. Einmal, als ich gerade auf einem alten Friedhof war um mir dort alte Grabdenkmäler anzusehen, hörte ich einen Flieger. Da ich durch die hohe Kirchhofsmauer das Gelände nicht übersehen konnte, zog ich doch vor rauszugehen und wieder in geschlossene Häuserreihen zurückzukehren um zur Not einen Keller als Zufluchtsort zu haben. In dem Fall war es auch ein deutscher Flieger.
Gegen Ende der Woche also am 1. Dezember trat bei Curt wieder ein Temperatursteigung ein, der Husten verschlimmerte sich und waren die Nächte sehr gestört. Ich schrieb noch einmal an L., dass ich unbedingt fort wolle, da Curt wohl die Luft, vor allen Dingen der ständige Nebel nicht bekäme. Denn die Pflege war sonst glänzend. Schwester Alba aufopfernd. Da der Zustand immer schlechter wurde, telegraphierte ich am 4. Dezember noch einmal. Endlich, am 5. Dezember bekam ich die Antwort, dass wir am Donnerstag, den 7. erwartet würden.
Nun war noch meine Angst, ob es überhaupt noch möglich sein würde Curt fortzubringen. Aber fort wollte ich. Ich hatte nur immer die Unruhe: fort, nur fort. Ich sprach noch den Abend vor unserer Abreise K., der den Zustand als sehr ernst bezeichnete, eine Operation wäre nicht mehr möglich gewesen, da das Leiden zu weit fortgeschritten sei. Aber man dürfe die Hoffnung nicht aufgeben. Diese Aussprache fand vor unserer Stube Nr. 23 statt. Angeblich hatte ich mir ein Mittel für die Reise geben lassen wollen. Heiteren Gesichts betrat ich die Krankenstube. – Heiter war ich auch den ganzen Abend. – Man kann alles, wenn man es einem geliebten Menschen zu Liebe tun muss. –

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